Theaterkompass.de Logo

Zwischen Revolte und Resignation

in Düsseldorfer Schauspielhaus
Uraufführung/Premiere am 20. Oktober 2012
Falk Richters Collage verbindet Georg Büchners Texte mit aktuellen Stimmen der Empörten und beleuchtet die zeitlose Relevanz individuellen Scheiterns und gesellschaftlicher Bedingungen. Die Inszenierung zieht Parallelen zwischen Büchners Figuren und der heutigen Burn-out-Generation, um Ängste vor einer ungewissen Zukunft zu thematisieren.
abuechner
© Sebastian Hoppe

Die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen am Anfang des 19. Jahrhunderts analysierte Georg Büchner in seinen Werken mit sezierendem Blick. Er stellte den Einzelnen in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen und zwar in dem Moment seines individuellen Scheiterns.

Falk Richter hat aus Büchners Texten, überwiegend aus "Lenz", "Woyzeck" und Auszügen aus seinen Briefen, eine Collage verfasst, die er u.a. mit aktuellen, im Internet veröffentlichten Texten der heutigen Empörten angereichert hat. Dass Büchners Texte noch aktuell sind, steht außer Frage. Das Gehetztsein Woyzecks, der psychische Kollaps Lenzens, das Außer-sich-geraten finden Parallelen in der heutigen Burn-out-Generation. Gerade angesichts der aktuellen Krisen und der Ängste Vieler vor einer ungewissen Zukunft, schleichendem ökonomischen Zusammenbruch, nicht gelöster Umweltfragen und dem eigenen sozialen Abstieg, bietet es sich an, auf Büchner zurückzugreifen. Zumal Büchner die Wirkmacht einer bewussten poetischen Sprache und ihre rhetorischen Mittel nutzt, um Ausbeutung und Unterdrückung zu schildern und indirekt zum Engagement aufzufordern. Und da ist er den Texten der heutigen Empörten haushoch überlegen, die in der direkten Gegenüberstellung dann nur wie bloße Spontisprüche erscheinen.

Die Unruhe, das Getriebensein findet in Richters Inszenierung in einer ständigen Bühnenbewegung Ausdruck. Zahlenreihen rattern auf der Bühnenhinterwand, Metronome klicken an gegen den Bass des Sounds von Ben Frost, Videoschirme zeigen heutige Katastrophennachrichten. Das sind Bilder für unseren gegenwärtigen Wahnsinn. Die sieben Schauspieler kommen nie zur Ruhe. Und Woyzeck muss ständig sinnlos Stühle rücken. Szenisches Spiel wechselt mit Vortrag, und unversehens ist man in den Büros der Aktivisten mit ihren Zettelbergen gelandet.

Das Büchner-Projekt von Falk Richter ist nicht uninteressant, es gibt viele spannende, intensive Momente, die aber vor allem dann auftauchen, wenn es sich um Büchnersche Urtexte handelt. Da stellt sich doch die Frage, warum man sich nicht gleich ganz auf ein Büchner-Werk eingelassen hat.

Die schauspielerische Leistung jedenfalls fand ganz zu Recht ausgiebigen Beifall.

Mitwirkende

Katrin Hoffmann(Bühnenbild)
Daniela Selig(Kostümbild)
Martin Rottenkolber(Videodesign)
Ben Frost(Sounddesign)
Paul Corley(Komponist/in)
Emre Aksizoğlu(Schauspieler/in)
Olaf Johannessen(Schauspieler/in)
Xenia Noetzelmann(Schauspieler/in)
Aleksandar Radenkovic(Schauspieler/in)
Judith Rosmair(Schauspieler/in)
Ingo Tomi(Schauspieler/in)
Thomas Wodianka(Schauspieler/in)
Emre Aksızoğlu(Schauspieler/in)
Olaf Johannessen(Schauspieler/in)
Xenia Noetzelmann(Schauspieler/in)
Aleksandar Radenković(Schauspieler/in)
Judith Rosmair(Schauspieler/in)
Ingo Tomi(Schauspieler/in)
Thomas Wodianka(Schauspieler/in)
Katrin Hoffmann(Bühnenbild)
Daniela Selig(Kostümbild)
Martin Rottenkolber(Videodesign)
Ben Frost(Komponist/in)
Paul Corley(Komponist/in)
Carsten Sander(Lichtdesign)
Daniel Richter(Dramaturgie)
Hans-Thies Lehmann(Dramaturgie)

Spielzeiten

Samstag, 20. Oktober 2012 (Premiere / Uraufführung)

Teile den Beitrag auf

Background image of the page