Der Kanadier Robert Binet lässt in 'New World' schon während des Einlasses zwei Tänzer mit Aufwärmübungen auf die Bühne, deren Bewegungen sich später im Stück wiederfinden lassen. Dann kommt eine Tänzerin dazu, später Paare. Zu der von der Minimal Art inspirierten Musik von Nico Muhly spiegeln sich die Tänzer in einem halbrund verspiegelten Raum, mal grell ausgeleuchtet, mal mit Nebelschwaden wider, in einer Atmosphäre von Licht und Schatten. Allmählich schwebt ein großes, weißes, gerundetes Wolkengebilde mit einzelnen Pflanzen von oben herab. Es ist das Sinnbild für eine reine Welt, denn in diesem Stück erschafft Robert Binet tatsächlich in drei Episoden eine neue Welt, wenn auch nur für die kurze Dauer der Aufführung: angeregt von den verschiedenen Schöpfungsmythen der Völker setzt er hier ein utopisches Bild der real existierenden Welt entgegen. Es ist eine Welt voller Liebe, Zuversicht, Vertrauen, Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft.
Von Binets Lichtgestalten entfernt sich 'Natalia Horecna mit 'The Way ever lasting'. Ein klassisches Pas de deux-Paar wird in dem Bestreben, seine Liebe zu leben, inneren Dämonen ausgesetzt. In der Gestalt von Eric White tritt ein Teufelchen als Störenfried auf, in dem er sich z.B. in einen Kuss schiebt. Horecna schreckt nicht vor großer Symbolhaftigkeit zurück. Das Bühnenbild bestehend aus einem großen schwebenden Eisenring, der ein Dreieck umschließt, verweist auf spirituelle Ebenen. Es ist Sinnbild von Einheit und Schutz, von Göttlichkeit. Das nach unten gespitzte Dreieck kann aber ebenso auf Aggressivität hindeuten. Vom inneren Feuer und Kämpfen zeugt auch das flammendrote Kleid der Liebenden Ann-Kathrin Adam. Peter Breiners verwendetes 'Lurking of a Purple Demon' für Violincello und Streichorchester mit seinen vier Sätzen, betitelt mit 'Versuchung', 'Dilemma', 'Zorn' und 'Nicht, worauf man gehofft hatte', spiegelt das Thema dieser Choreographie wider. Mit fließenden Bewegungen zum 2. Satz von Johann Sebastian Bachs Klavierkonzert Nr. 3 D-Dur schließt das Werk, wird der innere Kampf aufgelöst.
Remus Şucheană beschreitet mit seinen 'Fantaisies' den klassischen Ballettweg: er vertanzt die Musik, hier die von Bohuslav Martinů zwischen 1951 und 1953 komponierte 6. Sinfonie mit dem Untertitel 'Fantaisies symphoniques'. Ein großer Stamm mit leeren weißen Schildern - ohne Bezeichnung - bestimmt das Bühnenbild. Er verdreht sich im Laufe des Stückes, macht eine Richtungsbestimmung unmöglich. Es gibt kein wirkliches Ziel, nur ein Dahintreiben. Dem entsprechen die großen Gruppenformationen von Tänzern und Tänzerinnen. Alles ist ein Dahinfließen wie ein phantastischer Gedankenstrom. Die Choreographie ist perfekt getanzt, man schaut dem Tanzen gerne zu, aber es fehlt doch an Kontrasten und Brüchen, Höhepunkten, ohne die das Werk etwas zu glatt daherkommt.
So bleibt ein etwas zwiespältiges Gefühl zurück. Einerseits wunderbar perfektes mit Leichtigkeit Getanztes, andererseits aber Weniges, das lange nachhallt. Vom Publikum wurden die drei Stücke mit euphorischem Applaus bedacht.


