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Die grosse Gereiztheit

Uraufführung/Premiere am 15. Mai 2019
In einem angespannten Europa präsentiert die Regisseurin Karin Henkel mit „Die grosse Gereiztheit“ einen Abend über Verdrängung und Verkennung. Als Portrait einer weltabgewandten Gesellschaft, die schlafwandlerisch in einen Krieg taumelt, stellt sich die Frage nach der Überforderung angesichts komplexer Probleme.

Ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs zeichnet sich das Ende eines rätselhaften Rückzugs ab, der sich Jahre zuvor ereignete: Hans Castorp, die Hauptfigur in Thomas Manns „Der Zauberberg“, steigt zu Beginn des tausendseitigen Romans als „des Lebens treuherziges Sorgenkind“ in eine Eisenbahn, die ihn ins Davoser Sanatorium Berghof führt. Eine vergiftete Lunge (oder ein vergifteter Kopf?) machen aus dem geplanten dreiwöchigen Besuch eine sieben Jahre andauernde Verzauberung.

Ursprünglich wollte Thomas Mann ein humoristisches Gegenstück zum „Tod in Venedig“ schreiben. Er begann 1913 daran zu arbeiten, in eben dem Jahr, in dem auch das zweitletzte Kapitel des Romans, „Die grosse Gereiztheit“, spielt. Darin wird die feine Gesellschaft lungenkranker Sanatoriumsgäste in den Schweizer Alpen von einer Nervosität erfasst. Meisterhaft beschreibt Thomas Mann eine Stimmung aus Aufgewühltheit und plötzlich hervorbrechender Wut: „Was gab es denn? Was lag in der Luft? Zanksucht. Kriselnde Gereiztheit. Namenlose Ungeduld. Eine allgemeine Neigung zu giftigem Wortwechsel, zum Wutausbruch, ja zum Handgemenge. Erbitterter Streit, zügelloses Hin- und Hergeschrei (…) Man erblasste und bebte“.

Trotz Wolldecken und Liegestühlen erfasst ein Unbehagen die Luxuswesen und macht den der Welt Abhandengekommenen deutlich, dass ihre Isolation eine Fiktion ist: Das Leben auf dem Zauberberg ist ein „Dasein“, das „von seiner Umwelt gelebt wird und nur vermeintlich selbst lebt“ (Martin Heidegger). Hans Castorp, Clawdia Chauchat, Ludovico Settembrini, Doktor Behrens, Frau Stöhr und die anderen – sie werden von globalen Schmerzen heimgesucht, die sie, wie ihre wirklichen und eingebildeten Krankheiten, nicht zur Ruhe kommen lassen. Thomas Mann lässt auf die grosse Gereiztheit das Schlusskapitel „Donnerschlag“ folgen, den Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Flachland, der auch die Hauptfigur Hans Castorp auf eines der europäischen Schlachtfelder ausspuckt. „Der Zauberberg“ bleibt bis heute „eine Sensibilitäts-schulung für das Eintreten unerwarteter Ereignisse“ (Frank Schirrmacher).

In einem Europa, dessen Zerfallsprozess in vollem Gange ist, entwickelt die Regisseurin Karin Henkel ihre ganz eigene Lesart dieses komplexen Stoffes. Mit „Elektra“, „Die zehn Gebote“ und „BEUTE FRAUEN KRIEG“ schuf Henkel aufsehenerregende Theatererzählungen, die Narrationen, Bühnenräume und Zuschauerperspektiven in ungewohnte Spannungsverhältnisse setzten.

Karin Henkel, geboren 1970 in Köln, begann ihre Regiekarriere am Burgtheater in Wien. Es folgten Inszenierungen am Thalia Theater Hamburg, an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin, am Schauspielhaus Bochum, am Schauspiel Leipzig sowie am Deutschen Theater Berlin. Zuletzt arbeitete sie u.a. am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, am Schauspiel Frankfurt, an den Münchner Kammerspielen und am Schauspiel Köln. Bereits sechs Mal wurden ihre Inszenierungen zum Berliner Theater-treffen eingeladen.

Am Schauspielhaus Zürich waren in Karin Henkels Regie „Viel Lärm um nichts“ von William Shakespeare, „Geschichten aus dem Wiener Wald“ von Ödön von Horváth und „Elektra“ nach den Tragödien von Hugo von Hofmannsthal, Sophokles, Aischylos und Euripides zu sehen. „Amphitryon und sein Doppelgänger“ wurde bei der Kritikerumfrage der Fachzeitschrift „Theater heute“ zur „Inszenierung des Jahres“ gewählt. Karin Henkels Inszenierung „BEUTE FRAUEN KRIEG“ wurde zum Berliner Theater-treffen sowie zum Schweizer Theatertreffen eingeladen, zudem wurde ihr im selben Jahr auch der Theaterpreis Berlin verliehen.

Regie: Karin Henkel
Bühne: Thilo Reuter
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Live-Musik: The Dead Brothers (Kay Buchheim, Alain Croubalian, Matthias Lincke)
Video: Kevin Graber und Ruth Stofer
Dramaturgie: Viola Hasselberg
Licht: Frank Bittermann

Mehr als Zuschauen zu „Die grosse Gereiztheit“: Bereits vor der Premiere haben Interessierte die Gelegenheit, die neue Inszenierung kennenzulernen. In einer moderierten Gesprächsrunde zu „Die grosse Gereiztheit“ tauschen Sie Beobachtungen mit anderen aus und vergleichen Inszenierungsansätze. Zum Thema Europa findet ein Zürcher Gespräch mit Ulrike Guérot und Lukas Bärfuss statt, in dem die Idee einer europäischen Demokratie diskutiert wird.

Das Bild zeigt Thomas Mann.

Mitwirkende

Thilo Reuter(Bühnenbild)
Viola Hasselberg(Dramaturgie)
Frank Bittermann(Lichtdesign)
Christian Baumbach(Schauspieler/in)
Ludwig Boettger(Schauspieler/in)
Gottfried Breitfuss(Schauspieler/in)
Carolin Conrad(Schauspieler/in)
Fritz Fenne(Schauspieler/in)
Katrija Lehmann(Schauspieler/in)
Isabelle Menke(Schauspieler/in)
Michael Neuenschwander(Schauspieler/in)
Lena Schwarz(Schauspieler/in)
Friederike Wagner(Schauspieler/in)
Milian Zerzawy(Schauspieler/in)
Kay Buchheim(Musiker/in)
Alain Croubalian(Musiker/in)
Matthias Lincke(Musiker/in)

Spielzeiten

Mittwoch, 15. Mai 2019 (Premiere / Uraufführung)
Samstag, 18. Mai 2019
Dienstag, 21. Mai 2019
Sonntag, 26. Mai 2019
Montag, 27. Mai 2019
Mittwoch, 29. Mai 2019
Freitag, 31. Mai 2019
Sonntag, 02. Juni 2019
Dienstag, 04. Juni 2019

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