Mit der Liebesgeschichte zwischen dem Hugenotten Raoul und der Katholikin Valentine führt Giacomo Meyerbeer vor, wie ein religiöser Konflikt eskaliert und schließlich zu einem Massaker führt, in dem selbst familiäre Bindungen nicht mehr zählen. Die Uraufführung von »Die Hugenotten« ist ein Schlüsselereignis der Operngeschichte. Die historischen Tableaus, die harten Kontraste zwischen Festtagsfreude und Pogromstimmung und die Beschleunigung der Handlung zur Katastrophe wirken auf die Zeitgenossen atemberaubend. Kaum eine Oper des 19. Jahrhunderts wurde so oft gespielt und zugleich von einer ganzen Generation von Opernkomponisten, zu denen neben Hector Berlioz auch Giuseppe Verdi und Richard Wagner gehören, nachgeahmt und weiterentwickelt.
Giacomo Meyerbeers 1836 uraufgeführtes Auftragswerk für die Pariser Grand Opéra gilt mit seinen lyrischen Arien, aber auch spektakulären Chor- und Massenszenen als eine der wichtigsten Opern des 19. Jahrhunderts und zugleich als eines der erfolgreichsten Werke im Oeuvre des gefeierten Komponisten. Im Umfeld des katholischen Massakers an den Hugenotten im Paris des Jahres 1572, das als Höhepunkt der französischen Religionskriege als »Bartholomäusnacht« oder »Pariser Bluthochzeit« in die Geschichte eingegangen ist, entwickelt sich die tragische Liebesgeschichte von Raoul und Valentine zur tödlichen Tragödie: Sinnbild einer Liebe, der unter unmöglichen politischen Verhältnissen jegliche Hoffnung entzogen ist. Bis heute ist die dem Sujet zugrunde liegende synonymhafte Deutung für religiösen Fanatismus und politische Manipulation ungebrochen: Die historischen Tableaus, die harten Kontraste zwischen Festtagsfreude und Pogromstimmung, die Beschleunigung der Handlung bis hin zur Katastrophe entfalten als Plädoyer gegen religiöse Verblendung und politischen Irrglauben irritierende Modernität.
Nachdem Giacomo Meyerbeers Opern nach dem Ersten Weltkrieg seltener auf den Spielplänen der Opernhäuser standen und zwischen 1933 bis 1945 in Deutschland gar nicht mehr gespielt wurden, erlebten seine Grand opéras in den vergangenen Jahren eine regelrechte Renaissance. Regisseur Peter Konwitschny, der für seine Inszenierung von Jacques Fromenthal Halévys »Die Jüdin«, dem Schwesterwerk der »Hugenotten«, mit dem deutschen Theaterpreis DER FAUST ausgezeichnet wurde, kehrt mit Meyerbeers Werk zurück, wo er zuletzt inszenierte.
Nachdem Arnold Schönbergs »Moses und Aron« in der Inszenierung von Calixto Bieito den Premierenkalender 2018/19 eröffnete, setzt Intendant Peter Theiler mit der Auswahl des wegen seines jüdischen Glaubens bereits von seinen Zeitgenossen und später von den Nationalsozialisten verfemten Komponisten Giacomo Meyerbeer für die letzte Spielzeitpremiere ein deutlich vernehmbares Zeichen, welch wichtigen Denkbeitrag Musiktheater im gesellschafts- und kulturpolitischen Disput zu leisten vermag.


