Nach Dea Loher und Lukas Bärfuss in den vergangenen Festivaljahren hat Ferdinand Schmalz den Jury-Vorsitz für die kommende Festivalausgabe inne. Der Autor und Dramatiker hat alle Einsendungen gelesen und begutachtet und gemeinsam mit seinen beiden Co-Jurorinnen, der Musikerin und Theatermacherin Christiane Rösinger und der Schauspielerin Julischka Eichel in einem mehrstufigen Verfahren aus allen eingesandten Theatertexten die drei Gewinnerstücke ausgewählt.
Prämiert werden:
Judith Shakespeare (Rape and Revenge) von Paula Thielecke
Fischer Fritz von Raphaela Bardutzky
Das Augenlid ist ein Muskel von Alexander Stutz
Eine spezielle Erwähnung geht darüber hinaus an:
Wonderwomb von Amir Gudarzi
Die drei prämierten Stücke werden im Rahmen einer Langen Nacht der Autor:innen zur Uraufführung gebracht. Die drei Preisträger:innen erhalten ein Uraufführungshonorar von jeweils 10.000 Euro.
Jurybegründung
Die Jury begründet ihre Auswahl wie folgt:
Raphaela Bardutzky, Fischer Fritz
Fischerei, Haar- und Altenpflege. Raphaela Bardutzky verwebt in ihrem Stück unterschiedliche Sprachwelten. Dabei wechselt dieser Text immer wieder zwischen Deutsch, Bayerisch und Polnisch. Der titelgebende Zungenbrecher wird hier zum Programm und doch schafft die Autorin es, diese Geschichte um eine polnische 24-Stunden-Pflegerin, die zu einem Fischer namens Fritz in die Bayerische Provinz zieht, um ihn zu pflegen, in ein feinmaschiges sprachliches Gewand zu kleiden, das von den Herausforderungen der Pflege, vom Generationenkonflikt und den prekären Arbeitssituationen in diesem Bereich spricht. In einprägsamen Bildern zieht sich eine Spannung durch dieses Stück, die sich immer wieder im scheinbar Unscheinbaren aufbaut.
Paula Thielecke, Judith Shakespeare – Rape and Revenge
Judith, die Schwester von ... ja genau, dem anderen Shakespeare, ist selbst Autorin und hat mit dem Ruhm ihres Bruders zu kämpfen. Und vor allem mit einer Branche, die von Gleichberechtigung noch immer Lichtjahre entfernt ist. Paula Thieleckes Text geht von einem Zitat Virginia Woolfs aus, wonach eine fiktive Schwester von William Shakespeare wohl an den Umständen ihrer Zeit verrückt geworden wäre. Aber da sind wir doch darüber hinweg, denkt man, wir leben ja nicht mehr im Viktorianischen Zeitalter, Emanzipation und MeToo hatten wir doch schon durch. Und doch ist es nach wie vor in der Kulturbranche so, dass es ein William ungemein leichter hätte als eine Judith. Dieser Text zeigt mit wissendem Humor, wo die kleinen Schnitte passieren, die eine verrückt werden lassen – und so versteht man die Wut, mit der diese junge Autorin gegen den Betrieb ankämpft.
Alexander Stutz, Das Augenlid ist ein Muskel
Wenn nach Jahren etwas zur Sprache kommt, dann geht es oft verschlungene Wege, so wie in dem Text von Alexander Stutz. Und obwohl der Körper seines Protagonisten ein Bewusstsein zu haben scheint von dem Trauma, das ihm in der Kindheit widerfahren ist, braucht die Sprache erst diesen Umweg, um das Geschehene artikulieren zu können. Aber wie auch, wenn das Schweigen eines ist, das einem von der Familie mitgegeben wurde? So beginnen die Augenlider zu sprechen, der Kloß im Hals und auch eine Matratze. Ein Schweigen, das glaubt, Dinge aus der Welt zu schaffen, indem man sie nicht benennt, kaschiert nur die Verletzungen, die sich nun mal nicht totschweigen lassen. Stutz' Text findet eine atemberaubend sprachliche Form für ein Thema, bei dem einem die Sprache immer wieder wegbleibt.
Über die drei prämierten Texte hinaus zeigen die Autor:innentheatertage 2022 ca. zehn weitere Uraufführungen als Gastspiel und erstmals in Berlin. Das Festivalprogramm und die Gesamtliste aller eingeladenen Autor:innen und Theater werden im Frühjahr 2022 bekanntgegeben.


