Aus dem kraftstrotzenden, ungestümen Kind der Natur ist ein junger Erwachsener geworden, der aufbegehrt gegen den Vater, der nicht sein richtiger Vater ist, und aus der Enge ausbricht, um endlich das Fürchten zu lernen. Im Wald tötet er den Drachen Fafner und nimmt den Ring und die Tarnkappe an sich; er ahnt nicht, welche magischen Kräfte darin wohnen. Aber Siegfried ist ein durchaus ambivalenter Held – strahlend und siegreich, doch zugleich auch unreflektiert zerstörerisch: Brutal erschlägt er Mime, als dieser versucht, Siegfried zu vergiften, um den Ring in seine Gewalt zu bringen. Furchtlos durchschreitet Siegfried schließlich das Feuer; erst die Begegnung mit Brünnhilde und seiner erwachenden Sexualität jagt ihm vorübergehend Angst ein. Jubelnd besingen beide die Liebe – und für einen Moment scheint es, als könne die Utopie einer neuen, von Machtkämpfen und Vertragszwängen freien Welt Wirklichkeit werden.
Die ersten beiden Akte von Siegfried – Wagners gedanklichem Ausgangspunkt für den Ring – entstanden noch in Zürich; 1857 unterbrach Wagner die Arbeit am Ring und nahm sie erst 12 Jahre später – nach Tristan und den Meistersingern – wieder auf. Ungemein ausgefeilt, geradezu impressionistisch ist die Instrumentationskunst im Siegfried; immer wieder gelingt es Wagner, den großen Orchesterapparat in differenziert ausgearbeitete, suggestive Klangbilder zu gießen. Die Inszenierung liegt wie auch schon in den beiden vorangegangenen Teilen der Tetralogie in den Händen von Andreas Homoki.


