Seit Beginn des Krieges haben tausende Mitglieder der künstlerischen, wissenschaftlichen und intellektuellen Elite Russland verlassen. Zahlreiche andere wurden und werden mit Berufsverbot belegt oder verhaftet. Vor wenigen Tagen wurden in Moskau vollkommen überraschend zwei Frauen verhaftet, die 38-jährige Regisseurin Schenja Berkowitsch, eine Schülerin von Kirill Serebrennikov, und die Schriftstellerin Swetlana Petrijtschuk. Ihnen drohen bis zu sieben Jahre Haft. Schenja Berkowitsch ist eine der wenigen herausragenden Künstlerinnen, die sich entschieden hat, nach dem Überfall auf die Ukraine nicht ins Exil zu gehen.
Der russische Regisseur Kirill Serebrennikov, der selbst von Straflager bedroht war und jahrelang im Hausarrest lebte, arbeitet derzeit als „artist in residence“. Nachdem er schon mehrfach den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine verurteilt hat, meldet er sich jetzt in einer empörten Protestnote auch zum zunehmenden Staatsterror nach innen zu Wort.
Zudem greift Serebrennikov zu einem für seine Verhältnisse außergewöhnlichen Mittel und widmet seine derzeit entstehende Aufführung „Barocco“ den „artists at risk“, in Russland und weltweit.
„Ich widme die Aufführung von ‚Barocco‘ allen politisch verfolgten Künstlerinnen und Künstlern – in Russland und überall auf der Welt.“ – Kirill Serebrennikov
In „Barocco“, ursprünglich 2018 im Moskauer Hausarrest entstanden, geht es um die 68er Revolten und die Selbstverbrennung von Jan Palach auf dem Prager Wenzelsplatz. Unter dem Eindruck der radikal veränderten Lage entwickelt Serebrennikov die Inszenierung weiter. 2023 erzählt er in einer Fortschreibung abermals davon, dass das Besondere und Eigene, die Feier des Lebens, allzu oft keinen Platz hat. Er erinnert in einer international besetzten Aufführung daran, dass das Wort „barock“ für eine unregelmäßige, schräge Perle steht, die nicht in eine Kette passen will – ein Bild für das Andersseinwollendürfen. Er setzt die Extravaganz des Barock ins Verhältnis zu besonderen Menschen, die 1968 gegen Systeme revoltiert haben, wie z.B. Jan Palach, der sich aus Protest gegen den Einmarsch der Sowjets selbst verbrannt hat – eine schmerzhafte und auch eine schöne Unbedingtheit. „Barocco“ ist ein Manifest für die Freiheit und eine künstlerische Revolte der Schönheit gegen eine Welt, die an ihren gesellschaftlichen Zwängen zu ersticken droht. Gewidmet ist die Aufführung verfolgten Künstlern - in Russland und überall auf der Welt.
Eine Koproduktion mit der Elbphilharmonie.


