Poulencs Hang zur Groteske und Ironie tritt hier eher zurück. Stattdessen blühen dramatische Schlagkraft und rhythmische Präsenz regelrecht auf. Am 17. Juli 1794 wurden 16 Karmeliterinnen von Compiegne in Paris durch die Guillotine hingerichtet, da sie sich geweigert hatten, ihr Ordensgelübde zu brechen. Singend bestiegen sie das Schafott. Die Inszenierung bringt die Vielfalt von Gefühlen zwischen Angst, Mut, Sorglosigkeit und Panik in überzeugender Weise zum Vorschein. Die junge Adelige Blanche de la Force hofft, ihre ständige "Angst vor der Angst" im Kloster zu überwinden. Doch auch der geschützte Raum des Ordens wird durchlässig für die Sorgen der Schwestern. Sie werden mit der grausamen Realität der Französischen Revolution konfrontiert, denn die Revolutionsgarden zwingen die Nonnen, ihr religiöses Leben aufzugeben. Der Orden wird aufgelöst und alle Nonnen werden verhaftet. Blanche flieht, doch am Ende besteigt sie ebenfalls das Schafott – befreit von ihrer Angst.
Bühne und Kostüme unterstreichen hier die historischen Bezüge deutlich. Zu Beginn sieht man eine große Bibliothek, die dann einer Rundbühne mit einer schwarzen Wand Platz macht, auf der "Liberte, Egalite, Fraternite" und sogar "Freedom" steht. Mme de Croissy sieht als sterbende Priorin in glühenden Visionen im Bett das Ende der Ordensgemeinschaft voraus. Zuletzt dominieren rote Stäbe auf der Bühne, die wie Speere aussehen und auf das blutige Geschehen hinweisen. Hervorragend gelöst ist die Hinrichtungsszene, wo eine Nonne nach der anderen durch eine Drehtür verschwindet, wobei das Licht blitzschnell ausgeht und der dumpfe Schlag der Guillotine erklingt. Diese Schlussszene besitzt eine sehr starke Konsequenz und innere Logik, die den Zuschauer nicht mehr loslässt. Sie ist szenisch zweifellos am besten gelungen.
Auch musikalisch kann diese Aufführung in mehr als einer Hinsicht fesseln. Das Orchester musiziert mit viel Sinn für die harmonische Farbigkeit dieser Partitur, deren impressionistische Feinheiten immer wieder hervorblitzen. Anklänge an Johann Sebastian Bachs Kantate "Wer nur den lieben Gott lässt walten" begleitet in bewegender Weise das Martyrium der Ordensschwestern.
Die Oper beginnt und endet mit demselben Motiv, mit dem Poulencs "Agnus Dei" aus seiner Messe in G-Dur endet. Das Opferlamm-Motiv erscheint dann auch im Orchestervorspiel zum 3. Bild des zweiten Aktes. Auch expressionistische und neoklassizistische Klangformen besitzen dabei neben ostinaten Begleitmechanismen eine große Präsenz. Selbst Richard Wagners Tristan-Akkord ist herauszuhören. Tremolo- und Pizzicato-Figuren werden von chromatischen Passagen und nicht aufgelösten Vorhalten begleitet. Es gelingt vorzüglich, die Bezüge zu Poulencs Kammermusikwerken herzustellen.
Themen und Motive sowie melancholische Melodien und Wendungen prägen sich ein, und auch die dynamischen Kontraste verblassen nicht. Den sakralen Passagen wird nicht nur beim Märtyrermotiv mit der Modulation zur Todestonart es-Moll eine geradezu unheimliche Deutlichkeit abgewonnen. Poulencs Sehnsucht nach der großen Form tritt vor allem am Ende der Oper deutlich hervor, wo die Sängerinnen einen grandiosen Auftritt haben.
Neben bitonalen Sequenzen überwältigen bei dieser Wiedergabe immer wieder die eruptiven Ausbrüche und illustrativen Spitzfindigkeiten, mit denen Poulencs Partitur aufwartet. Die Männer sind hier allesamt schamlose Karrieristen und Mitläufer, während Mere Marie als einzige Überlebende quasi im Lichtkegel der Zeitgeschichte steht und die erschütternde Geschichte der Karmeliterinnen im Jahre 1834 aufschreibt. 16 Mal ertönt das Geräusch des Fallbeils, das sich bei dieser Aufführung ins Gedächtnis einbrennt.
Am Ende Jubel, tosender Schlussapplaus für eine famose Gesamtleistung.


