Ob im Landschaftspark Duisburg-Nord, auf dem Gelände der Zeche Zollverein oder in der Jahrhunderthalle Bochum: Die Spielorte der Ruhrtriennale prägen die künstlerische Arbeit entscheidend mit. Alle drei Jahre erfindet sich das Festival neu.
Während andernorts Kulturfestivals in den Verdacht geraten, nur noch Abspielstationen von Großproduktionen zu sein, setzt die Ruhrtriennale konsequent auf einmalige künstlerische Erlebnisse, die an ihren Ort gebunden in dieser Form nur in Nordrhein-Westfalen möglich sind.
Das Programm
Vom höfischen Spiel zum derben Schwank, von der Komödie zur Tragödie: Als „Stück der Stunde“ bezeichnet die inszenierende Intendantin Barbara Frey Shakespeares „Sommernachtstraum“. Mit der Eröffnung von Shakespeares Meisterwerk startet das Festival in der gewaltigen Dimension der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord. Erneut in Zusammenarbeit mit dem Burgtheater Wien und dessen herausragendem künstlerischen Ensemble lotet Barbara Frey nicht nur das spielerische Potenzial des Stückes aus, sondern fragt nach der Gegenwärtigkeit des Stoffes. In der Mischanlage auf Zeche Zollverein in Essen ist mit Dostojewskis furiosem Monolog „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“, gespielt von Nina Hoss, die letzte Premiere von Barbara Frey als Intendantin der Ruhrtriennale zu sehen.
Mit „Die Erdfabrik“ des Komponisten Georges Aperghis erlebt das diesjährige Auftragswerk in der Sparte Musiktheater seine Uraufführung. Der Ernst von Siemens-Musikpreisträger entwirft gemeinsam mit dem Schriftsteller Jean-Christophe Bailly und fünf Musikern eine spielerisch-ernste Hommage an die menschliche Imaginationskraft.
Mit großer Spannung wird auch die zweite Musiktheater-Inszenierung der diesjährigen Ruhrtriennale erwartet: Dostojewskis „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ diente Leoš Janáček als Vorlage zu seiner letzten Oper „Aus einem Totenhaus“. Starregisseur und Bühnenbildner Dmitri Tcherniakov inszeniert Janáčeks Oper als begehbare Bühneninstallation in die gewaltige Dimension der Bochumer Jahrhunderthalle hinein. Mit der Auflösung der Trennung zwischen Künstlern und Publikum wird das Publikum Teil der erbarmungslosen Gefängniswelt. Der amerikanische Dirigent Dennis Russell Davies leitet eine hochkarätige internationale Besetzung durch dieses Abenteuer.
Zu weiteren Arbeiten des diesjährigen Programms im Schauspiel zählen die Uraufführung von „EXTRA LIFE“ der international beachteten Choreografin, Regisseurin und Philosophin Gisèle Vienne – erneut mit der faszinierenden Schauspielerin Adèle Haenel. „Die Möglichkeit von Zärtlichkeit“ des chilenischen Regisseurs Marco Layera widmet sich Männlichkeitsbildern und feiert seine Uraufführung. In einer Deutschlandpremiere ist die groß angelegte Retrospektive „Der Garten der Lüste“ von Philippe Quesne zu erleben. Das vielbeachtete französische Multitalent ist erstmals mit einer Regiearbeit bei der Ruhrtriennale zu Gast. Das Objekttheater „Im Garten der Potiniers“ hingegen lässt Kinder ab sieben Jahren und Familien in eine liebevolle Pop-up-Landschaft eintauchen.
Mit einer Vielzahl von Konzerten macht die Ruhrtriennale die Bandbreite klassischer und zeitgenössischer Musik mit Hang zum Grenzgang erlebbar: Das Programm „Abendlob und Morgenglanz“ stellt Sergej Rachmaninow in den Mittelpunkt – dessen Geburtstag jährt sich 2023 zum 150. Mal. In die sakral anmutende Jugendstil-Maschinenhalle gesetzt, verbindet das Konzert alte russische, griechische und ukrainische Melodien mit Rachmaninows spätromantischer Klangsprache. Ein Schlagzeugmarathon lädt nach Essen ein. Von ikonischen Werken bis zu legendären Jazz-Größen sind mehr als ein Dutzend Musiker beteiligt, bei dem sich das Publikum die ehemalige Waschkaue entspannt erwandert.
Bei „Play Big!“ treffen Bigband und Sinfonieorchester aufeinander: Das dreiteilige Konzertprogramm präsentiert die Uraufführung eines eigens für die Ruhrtriennale geschaffenen Stücks des Komponisten Michael Wertmüller. Ebenso Gewagtes realisiert die Komponistin Sofia Gubaidulina mit „Revuemusik“, gefolgt von Simon Steen-Andersens humorvollen „TRIO“, einer gigantischen audio-visuellen Zeitmaschine. Den Festival-Abschluss bildet das nächtliche Konzert Alter Musik und Highlight „Quid Chaos“ des Vokalensembles Huelgas.
„Skatepark“ von Mette Ingvartsen für mehr als ein Dutzend Tänzer und Skater setzt am Eröffnungswochenende den ersten Akzent der Sparte Tanz. Ausgehend von Choreografien der Skateboard-Community sucht die jüngste Arbeit der dänischen Künstlerin nach Prinzipien der Gemeinschaftsbildung und deren Auflösung. Als Europäische Erstaufführung stellt „The Visitors“ die Auseinandersetzung von jungen Tänzern aus Südafrika mit Gewalt sowie die ertanzte Selbstermächtigung in das Zentrum. Das Outreach-Projekt der Choreografin Constanza Macras setzt die Zusammenarbeit fort, die bei der Ruhrtriennale 2022 für große Begeisterung sorgte. Es folgen weitere Deutschlandpremieren mit „EXÓTICA“ von Amanda Piña und „The Living Monument“ von Eszter Salamon für die norwegische Company Carte Blanche.
Die in die Duisburger Kulturkirche Liebfrauen platzierte Installation „My Body is Not an Island“ von Eva Koťátková eröffnet einen Ort, an dem sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene ihren Träumen zuwenden können. „Jetzt & Jetzt“ ist das dritte Projekt des „Gesprächskünstlers“ Mats Staub. 100 Menschen aus dem Ruhrgebiet haben sich auf dieses Langzeitprojekt eingelassen. Sie schauten auf zwei Momente in ihrem Leben und den Wachstumsprozess dazwischen.
Eine Retrospektive von loekenfranke würdigt die Arbeit des in Witten ansässigen Film-Kollektivs. 2023 haben Ulrike Franke und Michael Loeken Menschengruppen und deren besondere Blickrichtung ins Bild gerückt. loekenfranke gestaltet sowohl die Bildstrecke des Kataloges als auch die Key Visuals der diesjährigen Festivalkampagne. Weitere Veranstaltungen in der Sparte Film sind Werke von und über die Arbeit von Gisèle Vienne als Ergänzung zu ihrer Uraufführung.
Mit der MaschinenHausMusik, einem mit dem Essener Kollektiv The Third Room veranstalteten Rave einschließlich Intervention der Ausnahmekünstlerin Florentina Holzinger sowie der Weiterentwicklung des „Wege“-Projektes setzt die diesjährige Ruhrtriennale auf bekannte Reihen und Erfolgsformate. Mit der Fortsetzung der Literatur- und Dialogreihe vertieft der Schriftsteller Lukas Bärfuss gemeinsam mit Gästen aus Wissenschaft und Kunst Fragen nach der Natur des Menschen. Als Ort der Begegnung lädt die Pappelwaldkantine wieder unter die Flimm’schen Pappeln ein.
Geplant sind 34 Produktionen und Projekte, darunter 13 Eigen- und Koproduktionen, fünf Uraufführungen, eine Europäische und acht Deutsche Erstaufführungen. Das Festival beteiligt mehr als 600 Kunstschaffende aus über 35 Ländern. Publikumsgespräche sowie digitale Video- und Audioangebote flankieren die Veranstaltungen.
Die Ruhrtriennale hat rund 34.000 Karten im Angebot, ergänzt durch Veranstaltungen mit freiem Eintritt. Der Vorverkauf beginnt am 27. April. Bis zum 04. Juni bietet ein Frühbucherrabatt 15 % Ermäßigung auf den Kartenkauf. Der Eintritt beläuft sich zwischen 69 € bis kostenfrei. Ticketpatenschaften, viele Ermäßigungen sowie die neue Aktion „Bring your friends“ ergänzen das Angebot, das möglichst vielen Menschen das Festival zugänglich machen möchte.
Alles unter www.ruhrtriennale.de


