"Ein im höchsten Maße unmoralisches Werk!", hieß es nach der Pariser Uraufführung 1875. Und damit schien der Stab über Carmen gebrochen: Sie sei eine Femme fatale, verrucht, gefährlich und unanständig, eben eine Gefahr für einen von Grund auf tugendhaften Mann. Die Nachwelt hat diese Einschätzung zwar revidiert, gesellschaftsfähig wäre eine reale Carmen aber vermutlich auch heute noch nicht. Bizet und seine beiden Librettisten haben ein spannendes Protagonistenquartett entwickelt, anhand dessen sie die Gesellschaft sezieren. Da ist Micaëla, ein tugendhaftes Bauernmädchen: bürgerlich und brav – ein Gegenentwurf zu Carmen? Und da ist Escamillo, draufgängerisch und abenteuerlustig, so ganz anders als Don José.
Wie begegnen wir diesen Figuren heute – im Zuge von Feminismus und Gleichberechtigung, Gender Studies und #MeToo sowie fast 150 Jahren, die uns von der Entstehungsgeschichte trennen? Wer ist gut, wer ist „böse“? Die Personen scheinen wohl ebenso wenig eindeutig zu sein wie das hinreißende Spanienkolorit der Partitur, das der Franzose Georges Bizet aufs Notenpapier zauberte, ohne jemals spanischen Boden betreten zu haben … Ein "unmoralisches Werk"? Zum Glück!
Bild: Georges Bizet

