»Aber was fand ich? Lange Erzählungen oder alberne Bildersammlungen, moralische Geschichten, die mit ermahnenden Vorschriften begannen und schlossen, wie: ›Das brave Kind muss wahrhaft sein‹; oder: ›Brave Kinder müssen sich reinlich halten‹ usw.« Hoffmann kaufte ein leeres Schreibheft und schuf den »Struwwelpeter«.
Seinen Geschichten fehlte zwar die moralische Belehrung am Schluss, dafür folgte in ihnen aber die Strafe für Ungehorsam auf dem Fuße und die ist dann nicht von schlechten Eltern. Daumen werden abgeschnitten, Pauline verbrennt, Friederich wird gebissen.
Als Erziehungsmethode hat die Schwarze Pädagogik mittlerweile ausgedient und so verschiebt die Junk-Oper der Tiger Lillies die Perspektive auf diesen Stoff: Das, was es als Ungezogenheiten im »Struwwelpeter« auszutreiben gilt, das wird zu einem anarchischen Potenzial, zu einer Triebfeder des Erlebens der Welt als abenteuerlichen Kosmos, den es auch musikalisch zu entdecken gilt.
Hinter dem Namen »The Tiger Lillies« verbirgt sich eine dreiköpfige Band um den britischen Songwriter Martin Jacques, in deren Musik sich Zirkusklänge mit Punk vereinen, aber auch Anklänge an die Varietés der 1920er Jahre ebenso zu finden sind wie Anlehnungen an Kurt Weill.
Deutsch von Andreas Marber
Regie: Niklas Ritter, Musikalische Leitung: Michael Frei, Bühne: Alexander Wolf, Kostüme: Ines Burisch, Dramaturgie: Sara Örtel.

