Trotz der Reduzierung werden auch hier zwischenmenschliche Beziehungen und erotische Spannungen sichtbar. Machtkämpfe, Verletzlichkeit und Zärtlichkeit gehen in suggestiver Weise ineinander über. Der mystische Zauber des Adagio-Satzes wird hier tänzerisch tatsächlich als heiliger Tempel beschworen. Sphärenhaftes Himmelblau dominiert. Das fast religiöse Gefühl des erhabenen Melos kommt nicht zu kurz. Zwei Klangebenen und zwei Welten des Gefühls ergänzen sich gegenseitig. Dieses Adagio in fis-Moll entfaltet tatsächlich einen hypnotischen Zauber, der bis zur Coda anhält. Olga Khoziainova spielt das Solo-Piano einfühlsam.
Ein ausdrucksstarker Pas de deux beherrscht "Two Pieces For Het" mit der subtilen Musik von Erkii-Sven Tüür und Arvo Pärt. Da spürt man auch die elektrisierende innere Bewegungskraft der beiden Tänzer. Klare Linien herrschen trotzdem vor, was typisch für Hans van Manen ist. Bühne und Kostüme lassen Tanz und Musik ganz zusammenwachsen. Die Choreografie zu "Trois Gnossiennes" von Erik Satie besitzt ebenfalls einen fast magisch wirkenden Pas de deux, der den Tänzern aber auch viel Freiraum lässt. Der Zauber arabisierender Melodik blitzt tänzerisch überaus leuchtkräftig hervor. Die Bühne und die Kostüme schaffen unendliche Weiten, die auch das einfühlsame Solo-Piano wirkungsvoll einfängt.
Bei der grandiosen Choreografie zu Johann Sebastian Bachs Partita Nr. 1 in h-Moll für Violine solo tanzen die Tänzer in schnellen Sprüngen rasant um die Wette! Das wirkt in den Kostümen atemlos und ungeheuer mitreißend. Die drei hochbegabten Tänzer inspirieren sich gegenseitig. Bei der Corrente dominiert Einheitlichkeit und Geläufigkeit gleichermaßen in einer auf- und absteigenden Achtel-Bewegung.
Zuletzt begeistert die hochkonzentrierte Choreografie zu Benjamin Brittens "Variationen über ein Thema von Frank Bridge" mit Bühne und Kostümen. Paare und Körperlinien haben eine skulpturale Note, sie erhalten einen schwebenden Zustand. Lange Linien herrschen auch hier vor. Einflüsse von Gustav Mahler und hohes technisches Können setzt die Kompanie facettenreich um. Die zehn Variationen mit ihrem idyllischen Thema werden immer wieder in raffinierter Weise verfremdet und abgewandelt. Vor allem der unbeschreibliche Zauber der Fuge erfährt durch das Stuttgarter Ballett eine krönende Virtuosität. Bewegliche Eleganz und Glanz stehen überall im Mittelpunkt.
Das Staatsorchester Stuttgart unter der kompetenten Leitung begleitet die Kompanie in ausgezeichneter Weise. Zuletzt wurde Hans van Manen auf der Bühne für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Ovationen, "Bravo"-Rufe und viele Blumen!


