Um sich Geltung zu verschaffen, erlässt Kreon ein Gesetz, demzufolge der eine Bruder bestattet werden soll, der andere nicht. Kreons politisches Schicksal hängt fortan an der Geltung dieses Gesetzes. Antigone fordert diese heraus, indem sie den verfemten Bruder zweimal bestattet.
Da sie ihren Tod im Namen einer höheren Ordnung von vornherein in Kauf nimmt, sind Kreons Gesetze und Sanktionen machtlos gegen sie. Die Frage danach, wann und unter welchen Umständen Gesetze Gültigkeit beanspruchen können, stellt Antigone radikal. Es ist die Frage nach Freiheit und Gebundenheit. Die Ordnung, die Kreon mit allen Mitteln erhalten wollte, wird Antigones Tod nicht überleben: "Lass keinen neuen Morgen leuchten!", sagt der Herrscher am Ende von Hans Neuenfels‘ Neufassung der Übersetzung von Ernst Buschor. Weil er sich keinen vorstellen kann.
Hans Neuenfels, dessen Arbeitsbiographie seit langem von einer intensiven Beschäftigung mit der griechischen Klassik geprägt ist, kehrt mit dieser Inszenierung nach sechzehn Jahren ans Residenztheater zurück.

