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Anna Karenina

Uraufführung/Premiere am 19. November 2017
Christian Spuck gibt mit seiner Adaption von Lew Tolstois weltberühmtem Roman Anna Karenina sein Hausdebüt beim Bayerischen Staatsballett. Die Geschichte von Anna, die zwischen Konvention und Leidenschaft hin- und hergerissen ist, wird in eindrucksvollen Szenen erzählt.

Greta Garbo spielte sie, Vivien Leigh und Keira Knightley, um nur einige aus fast zwanzig Verfilmungen innerhalb von 100 Jahren zu nennen. Lew Tolstois Anna Karenina gehört wie Fontanes Effi Briest zu den tragischen Frauenfiguren der Literatur des Realismus – Romane des 19. Jahrhunderts, in denen die Protagonisten sich der Ehre wegen im Morgengrauen duellierten oder in den Selbstmord gingen. Die letzte Option wählten vor allem Frauen, wenn die Verzweiflung zu tief und die gesellschaftliche Ächtung zu massiv wurde.

Auch Anna Karenina ist hin- und hergerissen zwischen Konvention und Leidenschaft, Pflicht und Ausbruch. Viele Choreographen ließen sich von diesem Frauenschicksal zu eindrucksvollen Werken inspirieren. Keine geringere als Maja Plissezkaja choreographierte 1972 ihre Fassung zur Musik von Rodion Schtschedrin – die Hauptrolle tanzte die legendäre Ballerina selbst. Klassische und moderne Fassungen von Boris Eifman, Jochen Ulrich, Alexei Ratmansky und Sidi Larbi Cherkaoui folgten.

Christian Spucks Adaption hatte 2014 beim Ballett Zürich Premiere. In pointierten Szenen und mit größtenteils klassischem Bewegungsvokabular erzählt er die Ehebruchgeschichte aus dem 19. Jahrhundert und stellt sie in die Tradition der Russland-Rezeption: Birkenwälder und schneebedeckte Weiten, die legendären Bälle der St. Petersburger Aristokratie, verführerische Frauen in prunkvollen Kostümen. Die Kehrseite spiegelt sich in der Kälte der Paläste, die Bühne ist groß und meist leer, die Figuren darin verloren wie im wirklichen Leben. Video-Projektionen deuten Orte des Geschehens an, antizipieren das kommende Unglück und werden Sinnbilder für psychologische Vorgänge, Anna Kareninas inneren Aufruhr. Durch konkrete Gesten erzählt sich die Geschichte unmittelbar, denn es wird gestritten, geküsst, geliebt und verzweifelt. Die narrativen Anteile sind dabei nie banal und ausschließlich abbildend, vielmehr gehen sie auf in der physischen Stilistik der einzelnen Figuren, die auch in den rein tänzerischen Teilen bestehen bleibt und Prozesse und Veränderungen ohne Worte transportieren kann. Innerhalb der musikalischen Charakterisierung gibt Spuck Anna Karenina durch das Klavier eine Stimme und greift dafür vor allem auf Klavierwerke von Sergej Rachmaninow und Witold Lutoslawski zurück. Der hochromantischen Klangdichte Rachmaninows, die oft genug zum Eskapismus einlädt, setzt er die tief verstörende Musik des 20. Jahrhunderts entgegen und legt Anna Kareninas inneren Vorgänge und Konflikte frei. Die Premiere in München ist die Erstaufführung einer Kreation von Christian Spuck beim Bayerischen Staatsballett.

Christian Spuck, Direktor des Balletts Zürich und ehemaliger Hauschoreograph des Stuttgarter Balletts, ist fasziniert von dieser dramatischen Frauengestalt des 19. Jahrhunderts und will in seiner Fassung die emotionale Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Charaktere plastisch herausarbeiten: „Für mich ist es wichtig bei einem erzählerischen Ballett, dass die Tänzer die Geschichte wirklich erzählen. Das heißt, der Zuschauer versteht, worum es geht. Nicht nur die Handlung, sondern auch die inneren Vorgänge der Figuren, die Emotionen, die Konflikte, die Auseinandersetzungen. Das ist ganz klar Thema. Das ist teilweise in sehr abstrakten Bewegungen gelöst, teilweise aber auch in sehr erzählerischen Bewegungen.“

Zu Sinfonik und Kammermusik, hauptsächlich von Sergej Rachmaninow und Witold Lutoslawski, vertanzt Christian Spuck die Geschichte rund um Anna Karenina in pointierte Szenenbilder. Gemeinsam mit dem Zürcher Ausstattungsleiter Jörg Zielinski und der britischen Kostümbildnerin Emma Ryott stellt er das Geschehen in die Tradition der zaristischen Russland-Rezeption. Aus einem von kühler Reduktion geprägten Bühnenbild stechen die üppigen historischen Kostüme der St. Petersburger Aristokratie heraus. Video-Projektionen und Sound-Collagen deuten Orte des Geschehens an, antizipieren das kommende Unglück und werden Sinnbilder für Anna Kareninas innere Aufruhr.

Zudem ist Spuck an Tolstois parallel laufenden Familiengeschichten interessiert: „Am meisten hat mich natürlich die Hauptfigur Anna Karenina fasziniert, aber grundsätzlich das gesamte Gesellschaftsporträt des 19. Jahrhunderts in Russland. Ich habe versucht, das auf drei Paarkonstellationen herunter zu brechen und deren Geschichte zu erzählen.“ Der leidenschaftlichen Affäre Annas mit Graf Wronski stehen der treulose Fürst Stiwa Oblonski und dessen eifersüchtige Ehefrau Dolly sowie die bodenständige Familie von Kitty und Kostja Lewin gegenüber.

Mitwirkende

Christian Spuck(Choreografie)
Robertas Šervenikas(Musikalische Leitung)
Ksenia Ryzhkova(Tänzer/in)
Ivy Amista(Tänzer/in)
Jonah Cook(Tänzer/in)
Tigran Mikayelyan(Tänzer/in)
Osiel Gouneo(Tänzer/in)
Kristina Lind(Tänzer/in)
Mia Rudic(Tänzer/in)
Eva Dewaele(Bühnentechnik)
Birgit Deharde(Bühnentechnik)
Ivan Gil Ortega(Bühnentechnik)
Alyona Abramowa(Sänger/in)
Adrian Oetiker(Musiker/in)
Claus Spahn(Dramaturgie)
Michael Küster(Dramaturgie)

Spielzeiten

Sonntag, 19. November 2017 (Premiere / Uraufführung)
Samstag, 25. November 2017
Freitag, 01. Dezember 2017
Freitag, 23. März 2018
Sonntag, 22. April 2018
Donnerstag, 10. Mai 2018
Freitag, 15. Juni 2018
Samstag, 30. Juni 2018 (Derniere / Letzte Vorstellung)

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