Bei der Olympiade 2012 in London wollte sie unbedingt wieder dabei sein, doch die Verhältnisse in Somalia hatten sich weiter verschärft. Der einzig mögliche Weg, ihren Traum zu leben, war inzwischen die Flucht. Samia ertrank im Frühsommer 2012 im Mittelmeer vor Malta. Das Junge Theater Augsburg erzählt von Samias Liebe zum Laufen mit den Mitteln des Objekt- und Puppentheaters, unterstützt von Videoprojektionen und Musik.
Hintergrundinformationen zum Leben von Samia Yusuf Omar und zur Inszenierung am Jungen Theater.
Samia Yusuf Omar wurde am 25.03.1991 in Mogadischu, der Hauptstadt Somalias, geboren. Dort lebte und trainierte sie. In ihrem Geburtsjahr, 1991, wurde der Diktator Siad Barre gestürzt. Seitdem herrscht in Somalia Bürgerkrieg. Clans, Warlords und Privatmilizen, Regierungstruppen aus Somalia, den umliegenden afrikanischen Staaten, aber auch die UNO, die USA und die EU waren und/oder sind teilweise direkt militärisch, teilweise durch finanzielle Unterstützung in die Kämpfe verwickelt. Die islamistische al-Shabaab-Miliz terrorisiert bis heute Samias Lebensraum.
Während Samias Lebenszeit wurde es für Frauen und Mädchen immer schwieriger, Sport zu betreiben. Die Sportstätten sind zerbombt, täglich wird gekämpft, das Schulsystem ist in vielen Teilen zusammengebrochen, die Menschen hungern. Die al-Shabaab-Miliz propagiert das Leben nach den Gesetzen der Shar’ia, sie zwingt die Frauen und Mädchen zur Verschleierung und zum Verzicht auf sportliche Betätigung. 2012 besuchten höchstens die Hälfte aller Mädchen in Somalia eine Grundschule, höchstens 25 % gingen auf eine weiterführende Schule.
Samia hat sich von all diesen Schwierigkeiten nicht aufhalten lassen: Sie lief bei den afrikanischen Meisterschaften 2007 als 16-Jährige die 100-Meter-Strecke. Sie lief bei den Olympischen Spielen in China 2008 die 200-Meter-Strecke. Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2008 trug sie die Fahne ihres Heimatlandes. Ihr nächstes Ziel: die Teilnahme bei den Olympischen Spielen in England 2012! Da es für Samia in Somalia unmöglich wurde, weiter zu trainieren, ging sie im Oktober 2010 zu Verwandten nach Äthiopien. Die somalische Botschaft weigerte sich allerdings, ihr Papiere auszustellen, deshalb kam ein Training beim äthiopischen Leichtathletikverband nicht zustande. Samia entschloss sich zur Flucht nach Europa. Sie wollte London unbedingt erreichen. Im April 2012, ein paar Tage nach ihrem 21. Geburtstag, unternahm sie in einem mit 62 Personen besetzten Schlauchboot den Versuch, von Libyen nach Europa zu kommen. Samia stürzte kurz vor Malta ins Wasser und ertrank.
Das Team vom Jungen Theater Augsburg beschäftigt sich in seiner Recherche- und Probenarbeit mit folgenden Fragen: Wie könnte sich Samias Leben angefühlt haben? Wo gibt es Ähnlichkeiten zu unserem Leben? Wo Unterschiede? Wie trainiert man schnelles Laufen? Wie klingt die somalische Sprache, riecht die somalische Erde, schmeckt das somalische Essen? Wie geht es Somalier*innen bei uns in Augsburg? Wieso musste Samia trotz ihres Bekanntwerdens bei den Olympischen Spielen in China weiter allein für ihren Traum vom Laufen kämpfen? Wieso gab es keine Solidarität aus unseren Ländern, von Sportverbänden oder Unterstützergruppen? Wie ist es hier bei uns – finden alle Unterstützung, wenn sie professionell laufen möchten? Wie weit würdest du für deinen Traum gehen? Hast du überhaupt eine so große Leidenschaft?


