Lulu lediglich als eine männermordende Femme fatale zu sehen, greift dabei zu kurz. Zwar zieht sie eine Spur toter Ehegatten hinter sich her, bevor sie schließlich in den Abgrund stürzt, doch stellt sich immer die Frage, inwiefern sie selbst daran Schuld trägt. Sind es nicht eher die Umstände, die sie als Täterin erscheinen lassen? Ist sie nicht selbst Opfer ihrer Leidenschaften? Kann sie sich in einem männlich dominierten Umfeld überhaupt in ihrer Weiblichkeit behaupten?
Frank Wedekind untersucht in seinen beiden Tragödien »Der Erdgeist« und »Die Büchse der Pandora« das Verhalten einer jungen Femme fatale im Spannungsfeld ihrer zahllosen Verehrer. Ist sie Täterin oder Opfer? Ist sie vielleicht beides? Die vielen Liebhaber, die an ihr zerren und ihr die Möglichkeit verweigern, einfach sie selbst zu sein, verdeutlichen den Konflikt zwischen den Geschlechtern und hinterfragen das etablierte Rollenbild. Wedekind, als Autor ein Enfant terrible der Bühnen um 1900, zeichnet das Bild eines Menschen, dem es nie vergönnt ist, seinen eigenen Weg zu gehen.

