„Etwas ist faul im Staate Dänemark!“ Seit Claudius den Thron bestieg, regiert die Heuchelei. Noch übt sich Hamlet in Diplomatie, doch der Geist seines Vaters, des alten Königs, bestätigt ihm, was er schon ahnt: Sein Onkel Claudius errang die Macht durch feigen Brudermord, und Hamlets Mutter Gertrud ist in die Tat verwickelt. Hamlet schwört Rache; ein Anschlag muss her, eine Tat, die das ganze verlogene Regime stürzt. Mit entlarvenden Anspielungen, gehüllt in den Anschein des Wahnsinns, klagt Hamlet die Schuldigen öffentlich an. Doch als die Gelegenheit zum Mord da ist, lässt er sie verstreichen und tötet den Falschen. Hat der junge Mann die Kraft, um die historische Aufgabe zu schultern? Hat es Sinn, sich aufzulehnen, an bessere Verhältnisse nach einem Umsturz zu glauben? Oder bleibt ihm allein, diese aus den Fugen geratene Welt stoisch zu ertragen? Claudius führt den Gegenschlag. Seine Intrige jedoch trifft nicht bloß Hamlet, sondern löscht das gesamte Königsgeschlecht aus. Durch den inneren Showdown geschwächt, fällt Dänemark an eine fremde Macht.
Das wohl berühmteste Theaterstück der Welt ist Politthriller, Psychodrama und Familientragödie. Jede Epoche greift bestimmte Aspekte heraus. Heute stellen innere Spaltung und äußere Konflikte die „westlichen“ Gesellschaften zunehmend vor die Zerreißprobe. Einst gefestigte Werteorientierungen implodieren, vermeintlich stabile gesellschaftliche Strukturen geraten ins Wanken. Shakespeares Meisterwerk erweist vor diesem Hintergrund ein weiteres Mal seine verblüffende Modernität. Und offenbart damit Dilemma dieser Zeit: Wir wissen zu viel und handeln zu wenig.
Verraten wir damit nicht letztendlich auch uns selbst?, fragt Regisseur Alejandro Quintana mit seiner Inszenierung, die an die letzten Arbeiten am Theater Rudolstadt wie „Der Meister und Margarita“ u. a. anknüpft. Das Bühnen- und Kostümbild liegt in den Händen von Andrea Eisensee.


