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Drei Premieren

Uraufführung/Premiere am 06. Februar 2020
In den neuen Produktionen des Staatsschauspiels Dresden werden komplexe menschliche Schicksale und gesellschaftliche Herausforderungen thematisiert. Von der Auseinandersetzung mit der eigenen Identität bis hin zu den Fragen des sozialen Wandels – die Stücke bieten tiefgründige Einblicke in die menschliche Natur.

„Masel Tov!“ rufen die Hochzeitsgäste, als der Friseur Itzig Finkelstein die dicke Mira küsst. Es ist ein guter Tag für das frischvermählte Paar im neugegründeten Staat Israel. Die Finkelsteins haben den Holocaust überlebt. Was Mira nicht weiß, was überhaupt niemand in der Welt wissen darf: Itzig Finkelstein trug im Konzentrationslager keine Sträflingskleidung. Er trug SS-Uniform und ein Gewehr, denn Itzig Finkelstein ist in Wahrheit der Massenmörder Max Schulz. Ein kleiner Fisch. Mit einem Beutel voller Goldzähne und einer gestohlenen jüdischen Identität reist er nach Palästina aus und macht sich im Kampf um den „jüdischen Staat“ verdient. Eine große Tarnung für einen kleinen Fisch. Edgar Hilsenraths blutiger Schelmenroman arbeitet mit Übertreibung und Zuspitzung die Unvorstellbarkeiten des Realen auf.

Peter Holtz, ein Kind der DDR, will nichts Geringeres als Glück für alle. Deshalb plädiert er für die Abschaffung des Geldes – vergebens, man lebt halt noch in einer Übergangsgesellschaft. Später erfindet er versehentlich den Punk aus dem Geist des Arbeiterliedes, bekehrt sich selbst zum Christentum und unternimmt den Versuch, als Mitglied der CDU (Ost) aus den Blockflöten „Christlich-Kommunistische Demokraten“ zu machen“. Wiederum vergebens! Die Wende haut ihn buchstäblich um. Als er wieder erwacht, befindet er sich mitten in der vergrößerten BRD. Er nimmt die Verheißungen des Kapitalismus beim Wort und muss verwundert feststellen, dass die Marktwirtschaft Selbstlosigkeit mit Reichtum belohnt: Der gelernte Maurer hatte sich noch zu DDR-Zeiten marode Immobilien aufschwatzen lassen. Mit den mageren sozialistischen Mieten konnte er kaum die nötigsten Reparaturen zahlen, an eine Sanierung war nicht zu denken. Im wiedervereinten Vaterland machen ihn die Häuser auf einen Schlag zum Millionär. Die Frage ist nur, wie er das viele Geld mit Anstand wieder loswerden kann? Denn sein Ziel, die Welt zum Guten zu ändern, gibt er nicht auf, auch der real existierende Kapitalismus soll ihn daran nicht hindern. Doch egal, was er auch anstellt, ob er ein Bordell eröffnet, ins Galerie-Geschäft einsteigt oder eine Glühlampenbude aufkauft – alles macht ihn nur reicher.

Ingo Schulze folgt seinem Helden ein rundes Vierteljahrhundert durchs Leben, von 1974 bis 1998. Er lässt nichts aus, was in diese Zeit gehört. Alles widerfährt seinem Helden ungewollt. Durch Zeiten und Umstände, die anderen zum Verhängnis wurden, kommt er unbeschadet hindurch. Ein reiner Tor und neuer Simplicissimus. Nach Adam und Evelyn und Vom Wandel der Wörter. Ein Deutschlandbericht ist es die dritte Uraufführung eines Romans von Ingo Schulze am Staatsschauspiel Dresden.

Im Hause des Chemikers Protassow wird der neue Mensch erforscht und in seiner Komplexität zwischen Naturwissenschaft, Kunst und Kultur erörtert. Die hier versammelten Künstler und Intellektuellen diskutieren die Schieflage der Gesellschaft, planen das eigene soziale Engagement – alles in bester Absicht und größter Weitsicht. Sie denken, sie lieben, aber sie handeln nicht, drehen sich im Kreis und haben kein Gespür für die Brisanz der Zeit, denn um sie herum braut sich längst ein Sturm zusammen.

Draußen tobt die Cholerakrise. Hass und Wut wachsen. Menschen sterben, ein Strudel von Alkohol und Gewalt greift um sich, eine revoltierende Masse wird immer größer. Die Menschen vor Protassows Haus fordern, den Blick nicht in die Zukunft schweifen zu lassen, sondern jetzt zu handeln und zu reagieren. Sie rufen wie Greta Thunberg „How dare you“ und sind bereit, zum Aufstand aufzurufen, sich zu radikalisieren.

Maxim Gorki schrieb Kinder der Sonne 1905 im Gefängnis, beeindruckt von der gewaltvollen Niederschlagung des Petersburger Blutsonntags und der beginnenden Russischen Revolution. Er ermahnt die Intelligenzija seines Landes, nicht den Kontakt zum Proletariat zu verlieren, gemeinsam für einen gesellschaftlichen Wandel zu kämpfen.

Mitwirkende

Franziskus Claus(Schauspieler/in)
Daniel Séjourné(Schauspieler/in)
Nadja Hensel(Kostümbild)
Janny Fuchs(Dramaturgie)
Luise Aschenbrenner(Schauspieler/in)
Betty Freudenberg(Schauspieler/in)
Jannik Hinsch(Schauspieler/in)
Christine Hoppe(Schauspieler/in)
Moritz Kienemann(Schauspieler/in)
Hans-Werner Leupelt(Schauspieler/in)
Torsten Ranft(Schauspieler/in)
Peter Thiessen(Musiker/in)
Sabine Kohlstedt(Kostümbild)
Peter Thiessen(Komponist/in)
Kerstin Behren(Dramaturgie)
Philipp Grimm(Schauspieler/in)
Raiko Küster(Schauspieler/in)
Birte Leest(Schauspieler/in)
Anna-Katharina Muck(Schauspieler/in)
Karina Plachetka(Schauspieler/in)
Oliver Simon(Schauspieler/in)
Fanny Staffa(Schauspieler/in)
Yassin Trabelsi(Schauspieler/in)
Viktor Tremmel(Schauspieler/in)
Helga Werner(Schauspieler/in)
Valentin Baumeister(Bühnenbild)
David Gonter(Kostümbild)
Lothar Müller(Komponist/in)
Katrin Breschke(Dramaturgie)

Spielzeiten

Donnerstag, 06. Februar 2020 (Premiere / Uraufführung)

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