Eine „Catabasis“, das heißt eine Höllenfahrt, müssen die Figuren im Roman „Die Dämonen“ von Dostojewski unternehmen, da sie von einer unbekannten dämonischen Macht erfasst wurden. Innerhalb von wenigen Tagen wird eine verschlafene Provinzstadt zu einer wahren Filiale der Hölle – und diese Hölle, wie Dostojewski sie im Jahre 1872 beschreibt, ist ein groteskes, prophetisches Miniaturbild der politischen, ideologischen und menschlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts.
Boris Yukhananov, russischer Regisseur und Pädagoge, nennt sein Projekt „eine dynamische Installation“, in der Musik, Tanz, Schauspiel und bildende Kunst zusammenkommen, um Texte und Figuren von Dostojewski mit einer neuen Optik zu konfrontieren.
Nur ist das keine menschliche Optik: Das Weltbild des 19. Jahrhunderts wird hier mit dem Blick aus dem 21. Jahrhundert konfrontiert, dem Blick einer Künstlichen Intelligenz, eines Algorithmus. Und dieser Blick, allwissend und kindisch zugleich, verbindet Paradies und Hölle, eine Diskothek und einen philosophischen Disput, eine Hochzeit und eine Beerdigung zu einem paradoxen, grellen Bild, in dem die alten Dämonen ausgetrieben werden, vielleicht, um den neuen, noch unbekannten, Platz zu machen.
Boris Yukhananov ist bekannt für seine prozesshaften Theaterarbeiten. Er übersetzt die vielschichtigen Themen und Motive aus den „Dämonen“ in unsere heutige Welt und zelebriert das 200-jährige Dostojewski-Jubiläum, indem er aus Tradition und Neuerung einen glühenden Draht zwirbelt.


