„Dass bei Lanoye eine Frau in die Machtposition gesetzt wird, macht die Figur vielschichtiger und zerrissener.“, so Rueb. „Sie ist in vielen Rollen gefangen: die Wirtschaftskapitänin, die Politikerin, die sich immer gegen Männer durchsetzen musste, eine Mutter von drei Söhnen ohne anwesenden Vater, die Liebhaberin, die Milliardärin, Rollenvorbild für Frauen und Patriarchin alten Schlages gleichzeitig. Böse Schwiegermutter und schwache Kranke. Und sie versucht, sich von diesen ihr zugewiesenen Rollen zu befreien. Und es ist längst überfällig, dass es für erfahrene Schauspielerinnen jetzt auch solche Rollen gibt, in denen sie all diese Dinge ausloten können.“ In der Darmstädter Inszenierung wird Schauspielerin Karin Klein als Elisabeth Lear zu sehen sein, die seit 1996 Ensemblemitglied am Staatstheater ist.
Geeignet ist „Königin Lear“ auch für gehörbeeinträchtigtes und gehörloses Publikum, denn Gustav Rueb schreibt mit der Rolle der Olga eine Gebärdensprachdolmetscherin in die Inszenierung; wo sie nicht auf der Bühne ist, wird übertitelt. „Meine Vorstellung war, dass jemand wie Lear heutzutage, genauso wie Politiker*innen in Pressekonferenzen eine Gebärdensprachdolmetscherin an ihrer Seite hätte, wenn sie die Nachfolgeregelung für den Konzern bekannt gibt.“, so Rueb. „Olga übersetzt simultan an Lears Seite, sie ist Teil der Handlung und hat eine Beziehung zu allen Figuren der Geschichte. Mich interessiert dabei sowohl, dass es so einem gehörlosen Publikum möglich ist, der Geschichte zu folgen, als auch was die Gebärden für ein theatrales Potential haben. Lear spricht unglaublich viel. Ihre Sprache ist groß und vor allem zu Beginn hart und kalt kalkuliert. Im Laufe des Stückes ändert sich ihre Sprache, sie wird gleichzeitig immer verwirrter und immer hellsichtiger und Olga begleitet sie und uns mit ihren Gebärden dabei, endlich eine Sprache des Herzens zu finden.“


