Und um die Erfahrung, dass dies zu Selbstzerstörung führen kann, eine „Hamlet“-Figur, zerrissen zwischen der Anforderung, sich in den sozialen Körper einzugliedern und dem Anspruch, eigen und besonders zu sein. Um einen Gärtner, der mit Hingabe und Selbstaufopferung seinen Garten pflegt, von dem er lebt, dem alles Besondere fremd, dienende Arbeit aber heilig ist, um dessen Tochter, die Erlösung von der Garten-Fron in der Kraft der Liebe sucht, und – last but not least: um einen untoten, arabischen Legenden entlehnten, schwarzen Mönch, der zugleich aus dem Arsenal von Edgar Allan Poe stammen könnte. Tschechow treibt den Konflikt zwischen menschlicher Mediokrität und Hypostasierung des Ichs auf die Spitze. Und Kirill Serebrennikov verschärft die Grundkonstellation durch die musikalisch-kompositorische Form des Rondos.
‚How can we find strategies to survive?‘, fragt Serebrennikov. Tschechow stellt diese Fragen, Serebrennikov stellt sie, beantworten aber muss sie jeder selbst. Anders geht es nicht.
Übrigens: Auch der Begriff vom Menschen als „Herdentier“ spielt beim Arzt und Naturwissenschaftler Tschechow vor mehr als hundert Jahren bereits eine Rolle. Wir mussten uns gerade wieder an diesen Begriff erinnern lassen, eine schwer erträgliche, gewissermaßen kopernikanische „Kränkung“, die wievielte eigentlich? Müssen wir diese je epochalen „Kränkungen“ akzeptieren? Können wir sie überwinden? Im Sinne der Freiheit? Worin besteht sie genau? Oder geht es in Wahrheit um den Aufbruch in ein posthumanes Zeitalter, das diese Konfliktlinien hinter sich lässt?"
Joachim Lux
Hinter dem international bekannten Film-, Opern- und Theaterregisseur Kirill Serebrennikov liegen über vier Jahre striktes Reiseverbot und zahlreiche Inszenierungen per Zoom und Video in ganz Europa. Jetzt leitet er die Proben seiner Inszenierung von Tschechows Erzählung „Der schwarze Mönch“.
Serebrennikov war im Sommer 2017 verhaftet und in Hausarrest gesetzt worden. Das von der Staatsanwaltschaft geforderte Straflager wegen „Veruntreuung“ von Geldern wurde beim Prozess im Sommer 2020 in eine dreijährige Bewährungsstrafe mit Ausreiseverbot aus Russland umgewandelt. Nun hat er sehr plötzlich die Erlaubnis bekommen, in Hamburg zu arbeiten.
Eine internationale Produktion mit russischen, deutschen, amerikanischen, armenischen und lettischen Künstlern.


