Die Kostüme von Daniela Selig passen sich der Bankenwelt an. Ein interessanter Einfall, auch wenn das von Aktenordnern überquellende Bühnenbild zunächst etwas einfallslos erscheint. Rechts steht ein Klavier, auf dem die talentierte Pianistin Frida Foldal ständig spielt.
Der ehemalige Bankdirektor John Gabriel Borkman ist wirklich tief gefallen. Für ein privates Investment hat er Kundengelder veruntreut, was ihn zu einer mehrjährigen Haftstrafe führt. Seine unglückliche Ehefrau Gunhild und der gemeinsame Sohn Erhart müssen sich mit dem finanziellen Ruin abfinden. Nach seiner Entlassung lebt er isoliert mit seiner Frau auf dem Gut. Seine Schritte im Haus fallen durch große Lautstärke auf. Die an Krebs erkrankte Schwägerin Ella hat es ihnen zur Verfügung gestellt. Borkman und Gunhild stellen hier überzeugend dar, wie schwierig und kompliziert das Wiedersehen des Ehepaars nach der langen Haftzeit ist.
Zwischen den beiden rivalisierenden Schwestern Gunhild und Ella Rentheim kommt es zu einem erbitterten Kampf um Erhart, der der einzige Erbe der Familie ist. Die Handlung steigert sich mit großer Spannung, als der Sohn gemeinsam mit seiner um einige Jahre älteren Liebhaberin Fanny Wilton sowie der ständig Klavier spielenden Musikstudentin Frida Foldal in eine freie Zukunft aufbrechen möchte. Er will sich endgültig von seinen Eltern lossagen, was die Mutter Gunhild in Verzweiflung stürzt. Der Sohn wird mit entwaffnender Direktheit dargestellt. Ella Rentheim kann sich im Laufe des Abends mit ihrer wandlungsfähigen Rolle stark profilieren. Wichtig bei dieser Inszenierung ist, dass die Entwicklung Borkmans im Vergleich zu Ibsens Fassung ausgebaut wird. In dieser Version durchlebt er eine Phase, in der er seine Schuld eingestehen muss. Das unterstreicht die Darstellung von Borkman ganz ausgezeichnet. Seine Seelenqualen wirken nicht aufgesetzt, sondern glaubwürdig.
Es ist ein schonungsloser Läuterungsprozess, der hier offenbart wird. In der letzten Szene erreicht die Aufführung bewegende tragische Größe: "Es gibt keinen Hafen. Nicht für mich". Und Ella erwidert nur lakonisch: "Es weht ein eisiger Wind, John". Dann erkennt man, dass John Gabriel Borkman Gift nimmt und in den Armen Ellas stirbt. Es ist das illusionslose Ende einer einstigen Liebe. Man begreift auch, dass Borkmans ganzes Dasein im Banne eines Kindheitserlebnisses steht. Er befindet sich in einem Weltverhältnis, das auf Lockung und Verlockung gegründet ist. Aus dieser Bindung an die Vergangenheitswelt stammt die Gebrochenheit Borkmans. Diese Gebrochenheit sieht man dann ganz plastisch auch im Bühnenbild, dessen Decke plötzlich aufbricht. Unzählige Aktenblätter fallen wie Schnee herab. Borkman wollte durch die Ausbeutung der Bodenschätze Licht und Wärme in viele Tausende von Hütten und Häusern bringen und ist dennoch kläglich gescheitert. Entscheidende Szenen mit Borkmans Jugendfreund zeigen dessen Präsenz. Dieser Jugendfreund möchte von ihm als großer Dichter anerkannt werden, was ihm Borkman letztendlich verweigert: "Du bist kein Dichter!" Und dann ist da noch die Künstlerin Fanny Wilton, die ebenfalls sehr entwaffnend verkörpert wird. Sie nimmt Gunhild den Sohn weg, was zu heftigen Auseinandersetzungen führt.
Die Inszenierung macht deutlich, dass sich Borkman gegen das von Hofmannsthal beschworene Gesetz allen Handelns versündigt, was ihn schließlich in erschütternder Weise zu Fall bringt. Er trennt das Gewissen vom Handeln und setzt den Advokaten über alle seine Betrügereien in Kenntnis. Dieses krasse Missverhältnis zwischen Verschlagenheit und blindem Vertrauen blitzt hier grell auf. Das Stück spielt eigentlich sechzehn Jahre nach dem Geschehen - an einem Winterabend auf dem Gut der Familie Rentheim. Die Musik bildet dazu einen passenden melancholischen Rahmen. Gunhild ist nur daran interessiert, die Schande aus ihrer Familie zu tilgen. Daraus entwickelt sich während der Aufführung stellenweise eine atemlose Spannung.
Die Entschlusskraft dieser unglücklichen Gestalten ist gebrochen. Der Hilfsschreiber bringt bei Borkman versteckte Eigenarten zum Vorschein. Die Szenen sind durch eine seltsame Affektlogik bestimmt. Die Protagonisten betreten die Szene wie gerufen, stehen bereit, treten hervor, als seien sie die innere Auswirkung des Dialogs. Dies zeigt sich gleich am Beginn beim nahtlosen Übergang vom Zuschauerraum zur Bühne. Der Charakter einer ununterbrochenen, von einer Konstellation zur anderen hinübergleitenden Bewegungsfolge nimmt eine zentrale Bedeutung ein und wird erst durch den Tod Borkmans beendet. Manches Detail hätte vielleicht noch genauer beleuchtet werden können - dennoch trifft diese Inszenierung den Kern von Ibsens Intention. Lang anhaltender Schlussapplaus.


