Bei bewusster Beschränkung auf vier Sängerinnen, vier Sänger und dreizehn Musiker schafft der Komponist große Oper von verblüffender Klangvielfalt und bewegender Ausdruckskraft: sinnlich, plastisch, suggestiv. Und auch die Sprache ist von großer poetischer Qualität.
Britten geht es weniger um einen expliziten Vorfall, als um die großen abstrakten Fragen, die sich aus der mythischen Geschichte ableiten lassen. So legt auch Regisseur Christian von Götz in seiner Inszenierung den Fokus auf die Frage, wie es zu solchen Gräueltaten kommen kann und wie (wir) Menschen damit umgehen können.
In den schwarz-weißen Räumen von Bühnenbildner Lukas Noll werden die Fragen nach den Ursachen von Traumata und ihrer Bewältigung immer wieder aufgegriffen, und - aus der historischen Tragödie heraus - Antworten für unsere Zeit gesucht. Die reduzierte Ästhetik der Bühne hilft, auf sensible Art den Kern der intensiven Komposition herauszuschälen und Brittens Intention zu verdeutlichen: Wir alle sind Lucretia.
Auch für The Rape of Lucretia gilt, dass in Brittens Opern die Stimme immer im Mittelpunkt steht, alle Partien über attraktive Solomomente verfügen und die Handlung entscheidend mittragen. Dem entspricht die Besetzung der Inszenierung. Zum ersten Mal sind Evelyn Krahe in der Titelpartie, Anna Magdalena Rauer (Lucia), Anna Gabler (Female Chorus) sowie Kay Stiefermann (Junius) zu erleben. Bernhard Berchtold gibt den Male Chorus, Ensemblemitglied Grga Peroš den Tarquinius. Christian Tschelebiew (Collatinus) ist dem Publikum noch aus Schwanda, der Dudelsackpfeifer und der Operetten-Revue Wer, wenn nicht wir bekannt. Sofie Pavone (Bianca) gastierte wiederholt am Stadttheater Gießen, u.a. in Ariadne auf Naxos.
Musikalische Leitung: Florian Ludwig. Inszenierung: Christian von Götz. Bühne und Kostüme: Lukas Noll. Dramaturgie: Samuel Christian Zinsli.


