Karenin dagegen stellt sie vor eine unerträgliche Wahl: Anna soll sich zwischen einem Leben mit ihrem Kind oder dem Geliebten entscheiden. Schliesslich zerbricht sie an diesem Druck und den Zwängen einer Gesellschaft, die einer scheinbar nicht angepassten Frau ein Korsett anlegt und so eng schnürt, bis ihr die Luft zum Atmen ausgeht.
Leo Tolstoi ist ein Meister von akkurat gezeichneten Charakteren, deren Hoffnungen, Sehnsüchte und vermeintliche Abgründe aufgrund ihrer Offenheit und Durchlässigkeit in den Bann ziehen und berühren. Mit Anna Karenina schuf er eine der bekanntesten dramatischen Frauengestalten der Weltliteratur. Ihr Ringen um Freiheit und der Wunsch nach Selbstbestimmung prallen auf die starren Normen eines Gesellschaftssystems, das mit seinen strikten Geschlechterrollen vor allem Frauen kaum Spielraum für individuelle Bedürfnisse und ein selbstbestimmtes Dasein lässt.
Regisseurin Mirja Biel beleuchtet die Geschichte aus der Frauenperspektive und konzentriert sich dabei auf wenige Hauptcharaktere des Romans. Für ihre Bühnenfassung des Literaturklassikers legt sie den Fokus nicht auf eine historische Darstellung, sondern lässt die Figuren aus heutiger Sicht einen Ausweg aus den Altlasten verstaubter gesellschaftlicher Konventionen suchen, an denen wir uns heute noch abarbeiten.
Theaterfassung von Mirja Biel


