Auf dieser Insel ist die Realität auf den Kopf gestellt: Alcina definiert die Regeln, während für sie keine zu gelten scheinen. Als unbestrittene Herrin entscheidet sie darüber, wer auf die Insel gelangt. Sie setzt sich dort mit ihrem Ex-Verlobten und der anderen Frau, Bradamante, auseinander und erschafft einige (fiktive) wohlwollende Helfer, die sie bei dem Prozess unterstützen. Zentral ist hier die Gruppe der Tänzer, die zunächst als ihre Freunde agiert und später zur Personifikation ihrer Psyche wird. In dieser vermeintlichen Sicherheit gelingt es ihr, sich ihrem Schmerz zu stellen und durch vielleicht unangenehme, aber umso heilsamere Rückblicke ihre verdrängten Gefühle zu verarbeiten. Dass dieses Konstrukt brüchig ist, wird immer dann deutlich, wenn Ruggiero und Bradamante aus der Fiktion heraustreten und Alcina direkt konfrontieren – auch auf der Insel ist nicht alles so, wie es scheint. Dennoch gelingt es ihr am Ende, ihren Frieden mit der Situation zu schließen, Ruggiero loszulassen und zuversichtlich in die Zukunft zu blicken.
Regisseurin Julia Burbach setzt die Geschichte um Alcina in eine kluge Rahmenhandlung, die die intensive Gefühlstiefe dieser Frau noch näher an uns heranbringt. Wir begleiten die Protagonistin auf eine Art psychologische Insel, die zu einem geschützten Raum für die Auseinandersetzung mit ihren emotionalen Abgründen wird. Denn auch wenn das Stück viel Bühnenmagie bereithält, so geht es darin um echte Gefühle von echten Menschen: Wir erleben Alcinas Weg von einer wütenden Verlassenen über eine verzweifelte Liebende bis hin zur gebrochenen Frau, begleitet von einer lebendigen und ausdrucksstarken Musik. In enger Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Dominic Limburg hat Julia Burbach eine ganz eigene Fassung entwickelt, die durch mutige Kürzungen und eine teilweise geänderte Reihenfolge eine völlig neue Perspektive auf Georg Friedrich Händels ansonsten unverfälscht musizierte Oper bietet und Alcinas persönliche Entwicklung einen Schritt weiterführt.
Dramma per musica in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Libretto nach Antonio Fanzaglia und Motiven aus dem Epos ›Orlando furioso‹ von Ludovico Ariosto. In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln.


