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Germania 3 Gespenster am Toten Mann

Uraufführung/Premiere am 05. Oktober 2019
Heiner Müller thematisiert in seinem Werk die Herausforderungen der Gegenwart und die Bedeutung der Geschichte für die Zukunft. In einer Auseinandersetzung mit den Gespenstern der Vergangenheit wird die Frage aufgeworfen, welche Fehler gemacht wurden und wie diese unser Heute prägen.
© J. Quast

Heiner Müller hörte bis zu seinem Tod nicht auf, nach Zukunft zu suchen. Chancengleichheit für alle blieb sein Traum. Eine Frage, die gerade angesichts der hilflosen Erklärungsversuche der jüngsten Wahlergebnisse von großer Bedeutung ist.

Aus diesem Anlass bringt das Theater in Vornams Regie Heiner Müllers letztliches Stück auf die Bühne: Fünf Jahre lang arbeitete Müller an seinem Lebensthema: den Entgleisungen der deutschen Geschichte und den zum Scheitern verurteilten Versuchen, eine gerechte Gesellschaft zu schaffen. »Germania 3 Gespenster am Toten Mann« ist ein Dramenfragment, das einen historischen Bogen vom Zweiten Weltkrieg bis zum Zusammenbruch des sozialistischen Systems schlägt. Es ist bevölkert von den Protagonisten der Geschichte des 20. Jahrhunderts, die wie Gespenster aus den Gräbern der Vergangenheit hervorkommen und sich fragen: Was haben wir falsch gemacht? Noch immer prägt ihr Handeln unsere Gegenwart.

Rosa Luxemburg, Ernst Thälmann und Walter Ulbricht, Hitler und Stalin sind die Gespenster, die mit dem Wissen von heute auf ihr Tun zurückblicken und darüber reflektieren, was ihr »Vermächtnis« geworden ist. Aber auch namenlose Akteure, Opfer und Täter in historischen Entscheidungssituationen treten auf – am Ende des Zweiten Weltkriegs, in der DDR, die auf ihren Untergang zusteuert. In Schlaglichtern, Momentaufnahmen, sich überlagernden Gedächtnisspuren und surrealen Albträumen besichtigt Müller das 20. Jahrhundert. Er stellt den Gespenstern der Vergangenheit literarische Spiegelfiguren an die Seite wie Kleists Prinzen von Homburg oder Hebbels Nibelungen Kriemhild und Hagen. Aus Müllers Phantasmagorien und surrealen Überhöhungen, seinen großen Bildern und Metaphern kristallisiert sich eine präzise Analyse der historischen Situation heraus, die die Stücke letztlich klüger sein lassen, als ihren Autor, wie Müller ein ums andere Mal betonte.

»Germania 3 Gespenster am Toten Mann« blieb ein Fragment. Müller wollte es während der Proben an diesem Stück vollenden. Dazu kam es nicht mehr wegen seiner schweren Krebserkrankung. An der Umsetzung seines Projektes hinderte Müller neben vielen öffentlichen Verpflichtungen als Intendant des Berliner Ensembles und als Präsident der Akademie der Künste Ost eine quälende Schreibblockade. Diese resultierte nicht aus einem Mangel an Material, sondern vor allem aus einem Mangel an Zuversicht. Das System, das, trotz aller Fehler, angetreten war, mit einer gerechten Gesellschaft einen Schritt vorwärts in der Entwicklung der Menschheit zu vollziehen, war gescheitert. Müller wurde zeit seines Schaffens nie müde, die Fehler und Widersprüche im sozialistischen System zu beschreiben. Aber dass es vom alten kapitalistischen Gesellschaftssystem, das seither in der öffentlichen Wahrnehmung als alternativlos erschien, geschluckt worden war, empfand er als historischen Rückschritt – als »Ära des rasenden Stillstandes«. Künstlerisch verarbeitet hat er dieses Gefühl unter anderem in dem Langgedicht »Ajax zum Beispiel«.

Inspiration für das Bühnenbild von Tom Musch ist ein Ort, der die Widersprüche und Zäsuren in der deutschen Geschichte spiegelt wie kaum ein anderer – das Anwesen am Bogensee, 15 Kilometer nördlich von Berlin. 1939 wurde hier Goebbels Landsitz errichtet, den er ab 1943 ständig bewohnte. Hier empfing er Kunst- und Kulturschaffende des Dritten Reiches, hier arbeitete er an seinen Reden, mit denen er die Deutschen in den Krieg hetzte. 1950 wurde auf demselben Grundstück eine DDR-Kaderschmiede errichtet. Tom Musch hat das Foyer des Kulturhauses der FDJ-Hochschule auf der Bühne nachgebaut, als einen Transitraum der Geschichte, der jetzt deutliche Spuren des Verfalls trägt.

Axel Vornam empfindet dieses tiefgründige Eintauchen in die Vergangenheit, diesen Kampf gegen das Vergessen als unerlässlich. »Sich mit Müllers Werk auseinanderzusetzen heißt neu und anders denken zu lernen«, sagt Vornam. Ihm bereitet es ein intensives Vergnügen, sich diesen Texten zu nähern, die sperrig, anstrengend und zutiefst philosophisch sind, die keine stringente Handlung haben, aber ein erstklassiger Rohstoff fürs Theater sind und aus seiner Sicht geradezu zu einer sehr sinnlichen Herangehensweise herausfordern.

Mitwirkende

Dr. Mirjam Meuser(Dramaturgie)
Stefan Eichberg(Schauspieler/in)
Oliver Firit(Schauspieler/in)
Nils Brück(Schauspieler/in)
Sven-Marcel Voss(Schauspieler/in)
Lucas Janson(Schauspieler/in)
Sabine Unger(Schauspieler/in)
Rahel Ohm(Schauspieler/in)
Sonja Isemer(Schauspieler/in)
Johanna Sembritzki(Schauspieler/in)
Romy Klötzel(Schauspieler/in)

Spielzeiten

Samstag, 05. Oktober 2019 (Premiere / Uraufführung)
Mittwoch, 09. Oktober 2019
Freitag, 11. Oktober 2019
Sonntag, 27. Oktober 2019
Mittwoch, 06. November 2019
Mittwoch, 20. November 2019
Samstag, 07. Dezember 2019
Samstag, 14. Dezember 2019
Dienstag, 17. Dezember 2019
Donnerstag, 19. Dezember 2019
Sonntag, 29. Dezember 2019
Donnerstag, 02. Januar 2020
Donnerstag, 30. Januar 2020
Freitag, 31. Januar 2020
Dienstag, 04. Februar 2020

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