Als der Lehrer es dennoch wagt, die hetzerisch-rassistischen Ausfälle in einem Aufsatz des Schülers N zu bemängeln, fallen die Schüler- und die Elternschaft über ihn her und fordern Disziplinarmaßnahmen wegen »Humanitätsduselei« und »Sabotage am Vaterland«. Bei einer Klassenfahrt – de facto einer militärischen Kampfausbildung mit bewaffneten Geländeeinübungen – kommt die täglich antrainierte Gewalt schließlich offen zum Ausbruch: in Form eines rätselhaften Mordes unter den Schülern.
Neid, Konkurrenzkampf und eine heimliche Affäre des Schülers Z mit Eva, der Anführerin einer rebellischen Bande von Gesetzlosen, scheinen als Gründe für die Tat zusammenzuspielen. Der Gerichtsprozess, bei dem Richter wie Staatsanwaltschaft die Falschen vorverurteilen, wirft kein Licht auf den wahren Täter. Umso mehr dafür auf die Gesellschaft, die diesen hervorgebracht hat: ein Panorama der Rücksichtslosigkeit und Kälte, dessen bürgerliche Profiteure das reibungslose Funktionieren totalitärer Strukturen sichergestellt haben.
Zum zweiten Mal in kurzer Folge – nach dem Volksstück »Italienische Nacht« von 1931 – widmet sich Thomas Ostermeier mit seiner Dramatisierung des Romans »Jugend ohne Gott« einem Text von Ödön von Horváth aus den 1930er Jahren, der den Zusammenbruch von Demokratie und Zivilgesellschaft zum Thema hat. In einem Exilverlag in Amsterdam 1937 auf Deutsch veröffentlicht, wurde »Jugend ohne Gott« schlagartig international berühmt: Als spiegelhafte Darstellung der gesellschaftlichen Mechanismen unter der NS-Diktatur. Dennoch werden im Text weder Zeit noch Ort noch Machthabende explizit benannt. So weist der Roman zugleich parabelartig über seinen historischen Kontext hinaus.
In einer Fassung von Thomas Ostermeier und Florian Borchmeyer mit englischen Übertiteln. Regie: Thomas Ostermeier. Bühne: Jan Pappelbaum. Kostüme: Angelika Götz. Video: Sébastien Dupouey. Musik: Nils Ostendorf. Dramaturgie: Florian Borchmeyer. Licht: Erich Schneider.


