Wie steht es um den Dialog, den eine Gemeinschaft Europas einmal anstoßen wollte? Schon die sogenannte Finanzkrise, insbesondere aber die Flüchtlingsströme seit dem Sommer 2015 haben gezeigt, wie brüchig der von der rein ökonomischen „Werteschöpfung“ entkoppelte Wertekanon Europas ist. Statt gemeinsamer Initiativen gewinnt das alte Modell des Nationalstaats mit seinen klar gefassten territorialen Grenzen an Attraktivität. Das Schengener Abkommen beginnt zu bröckeln, entlang der sogenannten Balkan-Route zeigt das „Europa der Regionen“ sein stacheldraht-bewehrtes Gesicht, der Brexit ist beschlossene Sache und seit der vergangenen Bundestagswahl ist deutlich, dass die rechtspopulistischen Strömungen in ganz Europa auf dem Vormarsch sind und keine Einzelphänomene mehr darstellen.
Europa? Den deutschen Wahlkampf beherrschten andere Themen. Doch nur zwei Tage nach der Bundestagswahl 2017 fordert Emmanuel Macron in einer Grundsatzrede ein vereinigtes, souveränes und demokratisches Europa. Möglicherweise ein historischer und möglicherweise günstiger Zeitpunkt, um auch die Bundesrepublik in die Pflicht zu nehmen, jetzt wo die Koalitionsverhandlungen noch nicht geführt sind. Wie kann sie aussehen, die Zukunft Europas?
Die Frage, welche Rolle das Theater heute für den lebendigen Austausch in und über eine offene Gesellschaft spielen kann, stellt sich dringender denn je. In ganz Europa werden Tendenzen sichtbar, die den Errungenschaften einer offenen Gesellschaft, dem freien Diskurs, den demokratischen Grundwerten, dem spielerischen Experiment, entgegenwirken. Als aktiver Teil einer offenen Gesellschaft sind die Kulturinstitutionen dazu aufgefordert, Diskussionsräume zu schaffen und die Werte und Normen, die unsere Gesellschaft prägen oder prägen sollten, ins Zentrum künstlerischer Auseinandersetzung zu rücken.
Am Schauspiel Stuttgart geschieht dies im lokalen Rahmen und im Austausch mit Partnertheatern aus ganz Europa. Einige dieser Partnerschaften wurden neu geknüpft, viele andere sind seit Jahren etabliert. Neben dem Schauspiel Stuttgart gehören das Célestins, Théâtre de Lyon; die Experimental Stage, National Theatre of Greece; das National Theatre of Northern Greece; Kherson Music Drama Theater; das Piccolo Teatro di Milano; das Teatre National de Catalunya; das Teatre.doc; das Teatrul National Radu Stanca Sibiu; das Vígszínház und das Onassis Cultural Center zu den Partnertheatern. In den kommenden Monaten setzen sich alle Partner gemeinsam im Rahmen von zwei Koproduktionen mit Europa auseinander; inhaltliches Ziel ist es, Europa als offene Gesellschaft ins Zentrum zu rücken und diese zu verteidigen.

